Das ver­bo­te­ne Kenn­zei­chen am Vereinshaus

Ein Ver­eins­vor­stand ist straf­recht­lich nicht dazu ver­pflich­tet, eine Abbil­dung auf einer Immo­bi­lie des Ver­eins zu besei­ti­gen, die das Kenn­zei­chen eines ver­bo­te­nes Ver­eins dar­stellt, wenn er weder die­se Abbil­dung ange­fer­tigt noch zum Zeit­punkt der Anfer­ti­gung in einer ver­ant­wort­li­chen Posi­ti­on inner­halb des Ver­eins gewe­sen ist.

Das ver­bo­te­ne Kenn­zei­chen am Vereinshaus

In dem hier vom Ober­lan­des­ge­richt Hamm ent­schie­de­nen Fall war ein Mann ange­klagt, der zunächst Vor­stands­mit­glied und seit 2013 Vor­sit­zen­der eines Ver­eins zur Ein­rich­tung und För­de­rung eines unab­hän­gi­gen Jugend­zen­trums in Bie­le­feld ist. Der Ver­ein ist Eigen­tü­mer einer Immo­bi­lie in Bie­le­feld, in dem sich u. a. Ver­an­stal­tungs­räu­me befin­den. Auf einem Roll­la­den eines Ver­an­stal­tungs­raums wur­de wahr­schein­lich 1994 von einer unbe­kann­ten Per­son ein etwa 2 x 3 Meter gro­ßes Bild ange­bracht, das neben einem mensch­li­chen Ober­kör­per im Hin­ter­grund die Flag­ge der Natio­na­len Befrei­ungs­front Kur­di­stans (ERNK) – einer ver­bo­te­nen Teil­or­ga­ni­sa­ti­on der PKK – dar­stellt. Bis 2017 wur­de die Abbil­dung, die vom öffent­li­chen Stra­ßen­raum gese­hen wer­den kann, von den Behör­den nicht beanstandet.

Nach­dem im Sep­tem­ber 2017 eine anony­me E‑Mail beim Ord­nungs­amt in Bie­le­feld ein­ge­gan­gen war, in der auf die Abbil­dung der Flag­ge der ERNK auf dem Roll­la­den auf­merk­sam gemacht wur­de, wur­de der Ver­eins­vor­sit­zen­de im Janu­ar 2018 von der vom Ord­nungs­amt infor­mier­ten Poli­zei auf­ge­for­dert, das Sym­bol zu ent­fer­nen. Es wur­de ange­kün­digt, auf eine straf­recht­li­che Ver­fol­gung zu ver­zich­ten, sofern das Sym­bol frei­wil­lig ent­fernt wür­de. Der oben erwähn­te Ver­ein war und ist aller­dings – auch in Zukunft – nicht zu einer Ent­fer­nung der Abbil­dung bereit.

Das Amts­ge­richt Bie­le­feld hat den Ange­klag­ten wegen des Ver­wen­dens eines Kenn­zei­chens eines ver­bo­te­nen Ver­eins zu einer Geld­stra­fe von 600 € ver­ur­teilt[1]. Auf die Beru­fung des Ange­klag­ten hat das Land­ge­richt Bie­le­feld den Ange­klag­ten frei­ge­spro­chen[2]. Die hier­ge­gen gerich­te­te Revi­si­on der Staats­an­walt­schaft blieb vor dem Ober­lan­des­ge­richt Hamm ohne Erfolg:

Das Land­ge­richt Bie­le­feld sei, so das Ober­lan­des­ge­richt Hamm, zu Recht davon aus­ge­gan­gen, dass den Ange­klag­ten als einer der Ver­eins­vor­stän­de des Ver­eins kei­ne straf­recht­lich rele­van­te Pflicht zur Besei­ti­gung der betref­fen­den Abbil­dung tref­fe. Er müs­se näm­lich, zumal er erst seit 2013 Ver­eins­vor­sit­zen­der sei, nicht dafür ein­ste­hen, dass die wahr­schein­lich im Jahr 1994 ange­brach­te Abbil­dung ent­fernt wer­de. Der Ange­klag­te habe die Abbil­dung weder selbst ange­fer­tigt noch ist er zum Zeit­punkt der Anfer­ti­gung in einer ver­ant­wort­li­chen Posi­ti­on inner­halb des Ver­eins gewe­sen. Durch das blo­ße Unter­las­sen des Ent­fer­nens der Abbil­dung nach Auf­for­de­rung durch das Ord­nungs­amt im Janu­ar 2018 habe sich der Ange­klag­te nicht straf­bar gemacht.

Soweit es nach Auf­fas­sung der Staats­an­walt­schaft offen­bar ent­schei­dend dar­auf ankom­me, wel­chen Grund der Ange­klag­te bzw. der von ihm ver­tre­te­ne Ver­ein für die andau­ern­de Dul­dung des Bil­des habe, wes­halb sie in dem ange­foch­te­nen Urteil Aus­füh­run­gen zu der poli­ti­schen Aus­rich­tung des Ver­eins und dem nahe­lie­gen­den Grund für die andau­ern­de Dul­dung des Bil­des ver­mis­se, tei­le das Ober­lan­des­ge­richt die­se Ein­schät­zung nicht. Denn dies wür­de im Ergeb­nis dazu füh­ren, dass eine Gesin­nung unter Stra­fe gestellt wer­den wür­de, indem die poli­ti­sche Aus­rich­tung eines Ver­eins bzw. des­sen Mit­glie­der und sei­nes Vor­sit­zen­den dar­über ent­schei­de, ob das Unter­las­sen des Ent­fer­nens der maß­geb­li­chen Abbil­dung zur Straf­bar­keit des Ver­eins­vor­sit­zen­den füh­ren kön­ne. Dies wider­spre­che ein­deu­tig den Wer­ten des Grund­ge­set­zes und ins­be­son­de­re dem schran­ken­los gewähr­ten Grund­recht aus Art. 3 Abs. 3 Satz 1 GG, wonach u. a. nie­mand wegen sei­ner poli­ti­schen Anschau­ung benach­tei­ligt wer­den dürfe.

Eine ande­re, nicht vom Ober­lan­des­ge­richt zu ent­schei­den­de Fra­ge sei es, ob der Ver­eins­vor­sit­zen­de bzw. der von ihm ver­tre­te­ne Ver­ein die Abbil­dung ggf. auf­grund ord­nungs­be­hörd­li­cher Ver­pflich­tung zu ent­fer­nen hätte.

Ober­lan­des­ge­richt Hamm, Urteil vom 23. Novem­ber 2020 – III ‑3 RVs 47/​20

  1. AG Bie­le­feld, Urteil vom 23.09.2019 – 800 Cs 61/​19[]
  2. LG Bie­le­feld, Urteil vom 17.06.2020 – 05 Ns 85/​19[]